Mittwoch, 10. August 2011

Die Wahrsagerin

Der kleine Wohnwagen stand eines Tages einfach am Rande des Tümpels, unter einer großen Trauerweide. Dort, wo die Frösche in der Nacht laut ins Wasser sprangen und die Libellen anmutig über die grünliche Wasseroberfläche schwebten. Pflanzen und Blätter aller Art hatten hier eine schlammig-brackige Heimat gefunden und das Schilf beherbergte einsame Vögel. Niemand hatte je gesehen, wie der Wohnwagen hierhergekommen war, welcher Wagen ihn gezogen hatte. Alles, was die Menschen wussten war, dass er jetzt hier stand. Ein wahrlich wundersames Gefährt auf vier großen Holzrädern mit dicken, aus Holz gedrechselten Speichen. Der Aufbau über den Rädern glich einer Hütte wie man sie sonst wohl im Wald vermutet hätte, aus Brettern zusammengezimmert, mit blauen Fensterläden und Spitzenvorhängen, die den Blick nach drinnen versperrten. Aus dem kleinen, metallenen Kaminrohr quoll kein Rauch, und hinter den Fenstern brannte kein Licht.
Das kleine Mädchen, Kassandra, drängte sich ängstlich an ihre Freundin, als sie in der Abenddämmerung den Kiesweg durch die Schilflandschaft herunterkamen und den Wohnwagen da stehen sah. Das Gefährt schien einem Märchen entsprungen zu sein. Jedoch einem der düsteren, ursprünglichen, aus einer Zeit, als die Menschen noch wussten, dass Dinge in der Dunkelheit lauern, denen man besser nicht begegnet und manches freundliche Lächeln nur eine Maske zur Verschleierung der Abgründe darunter diente. Kassandra hatte dies nie vergessen und obwohl sie erst acht Jahre alt war, bestand für sie kein Zweifel, dass die Dunkelheit manchmal eben mehr war, als die bloße Abwesenheit von Licht.

Sie hatte den Nachmittag mit ihrer Freundin Letizia auf dem Spielplatz am See verbracht. In der Stadt gab es keine Orte für Kinder mehr, dazu mussten sie hinaus, den Kiesweg hinunter und vorbei an den vielen Tümpeln, Wiesen und Schilfmeeren. Dort, bei den Bootsanlegestellen gab es noch viele einsame Plätze, abgeschirmt von Bäumen mit tief hängenden Ästen, die so gar nichts mehr jenen überzüchteten, hochstämmigen Bäumen der Parks zu tun hatten. Solche Bäume liebte Kassandra. Vielleicht entsprachen sie nicht dem, was die Erwachsenen als „sauber“ und „aufgeräumt“ bezeichneten. Vielleicht lebte wirklich Ungeziefer in jenem struppigen Geäst und möglicherweise krabbelte es den Unachtsamen dann über den Kopf. Aber, bei allem was Kassandra heilig war – das waren noch Bäume. Ehrliche Geschöpfe, die sich nicht dafür entschuldigten, wer oder was sie waren. So sähe die Natur wohl aus, wenn man sie nur ließe.
Also waren die beiden Mädchen am frühen Nachmittag auf der Suche nach einem ruhigen Ort am See gewesen, aber ihre Lieblingsstelle, am Wasser, von der Welt abgeschieden, fanden sie besetzt. Ein junges Paar, ebenfalls auf der Suche nach jener Anonymität, saß schon da und sie waren nicht nett zu den beiden Mädchen gewesen, hatten sie verjagt und Namen zugeworfen, die Kassandra nicht ganz verstand, ihr aber irgendwie unfreundlich erschienen. Schließlich blieb nur mehr der Spielplatz.
Auf den Heimweg hing Kassandra ihren Gedanken nach, als plötzlich der Wohnwagen vor den beiden auftauchte. Letizia lachte und zeigte auf die blauen Fensterläden. Der Wagen sah so aus, als wäre er gebaut, um von Pferden gezogen zu werden. Kassandra jedoch vermochte daran nichts Erheiterndes zu erkennen und noch während sie sich unsicher umblickte, flackerte in einem der Fenster ein unstetes Licht auf.
„Lass uns den anderen Weg nehmen“, flüsterte sie ihrer Freundin zu und ergriff die kleine Hand. Aber Letizia schüttelte den Kopf. Mutig trat sie nach vorne.
„Das schau ich mir genauer an.“
Nach kurzer, erfolgloser Gegenwehr ließ sich Kassandra hinterher ziehen. Nach einigen Schritten sahen sie die Spuren auf dem Wagen. Jene Stellen, an denen der Zahn der Zeit genagt hatte. Der Lack auf dem Holz war keineswegs mehr unversehrt. Vielfach abgeblättert, rissig und spröde zeigte er auch Spuren von Steinschlag und Kratzern, als hätten große Tiere hier und da versucht, einzudringen. Die Holzräder, mit Metall beschlagen, wirkten brüchig und ausgebleicht. Kassandra fragte sich, wie viele Straßen sie wohl gesehen hatten in ihrer Zeit. In Kassandras Geist stiegen Bilder auf. Geschichten, die dieser Wohnwagen erlebt haben mochte. Auf engen Straßen über die Alpen, in einer Zeit als die Menschen angstvoll hinauf zu den Gipfeln blickten. Irgendwo durch einen Wald in Osteuropa reisend, auf den Spuren nach alten Geschichten über Vampire. Wer wusste schon, wo dieser Wagen gewesen sein mochte?
„Ich weiß es“, verkündete eine brüchige, hohe Stimme vom Fenster her. Ruckartig hob Kassandra den Kopf und blickte in das Gesicht der ältesten Frau, die sie je gesehen hatten. Sie trug ein buntes Tuch um den Kopf, gehalten von einem Knoten über ihrem rechten Ohr. Nie hätte Kassandra es für möglich gehalten, so viele Falten in einem einzigen Gesicht versammelt zu haben – zerfurcht wie eine Wüstenlandschaft nach tausend Jahren Dürre. Die Landkarte eines Lebens, dachte Kassandra. Doch so alt das Gesicht wirkte, so jung waren die Augen. Funkelnd blau und scharf sahen sie auf das Mädchen herunter.
„Ich könnte dir neunundneunzig und eine Geschichte über diesen Wagen erzählen. Ich bin eine Wahrsagerin, musst du wissen.“
Letizia wich vom Wagen zurück. Ihr Mut hatte sie verlassen und alles, was sie wollte, war nach Hause zu laufen. Doch Kassandra rührte sich nicht. In ihrem Kopf war kein Platz mehr für die ängstliche Freundin, die sie erst in diese Lage gebracht hatte.
„Willst du nicht hereinkommen?“, fragte die Alte mit einem freundlichen Lächeln, bei dem ihr eine weiße Strähne unter dem Kopftuch herausrutschte und über die Stirn herunter bis auf die Nase fiel.
„Komm Kassandra, lass uns gehen“, rief ihre Freundin dem Mädchen zu. Kassandra schüttelte den Kopf: „Ich muss nach Hause, unsere Eltern erwarten meine Freundin und mich schon.“
Die Besitzerin des Wohnwagens lachte gackernd und zeigte aber ihr gelbes, lückenhaftes Gebiss.
„Das tun sie wohl. Und dennoch war das nicht meine Frage.“ Sie sah zu dem Mädchen hinunter und wiederholte: „Willst du nicht hereinkommen?“
Zögerlich machte Kassandra einen Schritt zur Hinterseite des Wagens, dort wo eine kleine Holztüre mit einem Buntglasfenster oben drüber, ins Innere führte.
„Ich hole meinen Vater“, rief Letizia den beiden hinüber und rannte am Wohnwagen vorbei in die Stadt.
Die Alte verschwand vom Fenster nur, um Sekunden später die Türe des Wohnwagens zu öffnen und Kassandra ihre Hand entgegenzustrecken. Die Frau sah genauso aus, wie Kassandra sie sich vorgestellt hatte. In einem langen, bunten Rock mit wilden, abstrakten Mustern überzogen, und einer weiten Rüschenbluse vom grellsten Rot, das man sich vorstellen konnte. 

Kassandra nahm sich ein wenig Zeit ihren Blick durch den Wagen schweifen zu lassen. Langsam glitten ihre Augen über das dunkle Holz, das so aussah, als würde es jeden Moment, von Würmern und Fäulnis zerfressen, zu Sägespänen zerfallen. Wie alt mochte das Gefährt wohl sein? Nicht einmal annähernd konnte Kassandra es erahnen. Überall waren bunte Tücher an den Wänden festgemacht worden, rote, blaue, grüne, gelbe – manche verknotet, andere frei im Wind wehend. Es schien so, als hätte die alte Frau die Hässlichkeit und das Alter des Holzes, aus dem der Wagen bestand, mit den Tüchern überspielen wollen. Kassandra aber fand, dass sie damit nicht viel Glück gehabt hatte, denn nun wirkte er überladen, wild durcheinandergewürfelt und noch viel schlimmer als vorher. Alte Reisekisten mit massiven Metallbeschlägen waren am hinteren Ende des Wagens gestapelt, sie fragte sich, was diese wohl enthalten mochten. Vielleicht seltsame Kugeln, Rollen und Bücher mit Zaubersprüchen oder einfach nur die Kleider der alten Wahrsagerin? Die Kisten waren alle mit schweren Metallschlössern gesichert.
„Komm setz dich“, forderte die Alte sie auf und deutete auf einen kleinen Tisch mit zwei Stühlen. Der, den sie ihrem Gast anbot, war ein einfacher Holzschemel, ohne Rückenlehen oder Sitzpolster. Sie selbst ließ sich jedoch in einem weichen, mit rotem Stoff überzogenen Polstersessel sinken. Dabei funkelten ihre Augen so, als wollte sie das Mädchen auffordern, etwas zu sagen, doch Kassandra schwieg und tat stattdessen einfach wie ihr gesagt.
Der Tisch, der die beiden ungleichen Frauen trennte, war alt und abgenutzt, das Holz hatte dieselbe Färbung angenommen wie die Bretter des Wagens – ein schwärzliches Braun. Über den gesamten Tisch zogen sich Maserungen und Kanäle, die von Holzwürmern zeugten, da und dort prangten Brandflecken und an einigen Stellen war etwas eingeritzt worden. Sinnlose Initialen waren in einer Ecke des Tisches immer wieder eingeritzt worden – vermutlich mit einem scharfen Messer. Kassandra fragte sich, wer das getan hatte. Die Wahrsagerin mit Sicherheit nicht, sie war zu alt für solche Kindereien und sie konnte den Tisch nicht so lange haben, dass sie als junge Frau die Initialen hätte einritzen können.
Kassandra erschrak, als sie plötzlich gewahr wurde, dass die Alte sie musterten und ihrem Blick zu den verewigten Initialen folgte. Die spröden Lippen verzogen sich zu einem rissigen, hintergründigen Lachen.
„Du fragst dich, wer sie eingeritzt hat, nicht wahr? Was vermutest du?“
Kassandra zuckte zusammen, als die Worte der Wahrsagerin wie Peitschenhiebe auf ihre Ohren trafen.
„Ich weiß es nicht,“ stammelte das Mädchen, doch die Alte schüttelte den Kopf: „Nein, ich weiß, dass du sehr wohl viele Möglichkeiten im Kopf hast, wie diese Initialen auf den Tisch gekommen sein könnten – du willst sie mir nur nicht verraten.“
Die Wahrsagerin entspannte sich wieder und fuhr ruhig fort: „Aber das ist gut so, ich habe nicht erwartet, dass du mir deine intimsten Geheimnisse verraten würdest. Aber du denkst sicher, dass diese Initialen hier genau richtig sind, dass es so ist, als müssten auf dem Tisch einer alten Wahrsagerin mysteriöse Initialen eingeritzt sein oder? Das erwartest man doch eigentlich – zumindest wenn man so jung ist wie du, oder?“
Kassandra zauderte, aber der bohrende Blick der Alten traf sie, bohrte sich in ihr Gehirn. Das Mädchen verinnerlichte sich, dass man vor dieser Frau keine Geheimnisse haben konnte. Zögerlich nickte Kassandra und versuchte, dem starren Blick auszuweichen. Mit einer Handbewegung wischte die Wahrsagerin die seltsame Stimmung weg, die sich zwischen den beiden, der alten und der jungen Frau gebildet hatte.
„Du hast recht, es gehört irgendwie zur Stimmung, und ich denke, deshalb sind die Initialen dort, es war einfach richtig also ist es geschehen.“
Die Alte lachte ihr gluckerndes, krächzendes Lachen und tätschelte Kassandras zitternde Hand, während sie das Kind aus ihren kleinen, opalfarbenen Augen belustigt musterte.
„Ich werde dir drei Dinge über deine Zukunft verraten. Was hältst du davon?“
Mit einer Hand zog ihre seltsame Gastgeberin einen Stapel vergilbter Spielkarten unter dem Tisch hervor und legte ihn vor Kassandra hin. Wie selbstverständlich zog sie eine aus dem Stapel. Zuerst sah Kassandra nur die Rückseite, eine mit Sternen bedeckte Dunkelheit, doch dann wurde die Karte aufgedeckt vor ihn hingelegt.
Eine Frau saß da auf einem Hocker, ihre Augen verbunden, zwei Schwerter, nach oben gerichtet, in ihren gekreuzten Armen.
„Was sind das für Karten?“ Fragte Kassandra und betrachtete das vor ihr liegende Bild mit einer Mischung aus Neugierde und Furcht.
„Das Tarot“, erwiderte die Wahrsagerin. „Man kann darin lesen.
Kassandra schüttelte den Kopf, sagte aber nichts. Neben ihren Eltern hatte lange eine Frau gewohnt die aus Kristallkugeln und Karten gelesen hatte. Die Meinung ihrer Eltern zu dem Thema war eindeutig.
„Du glaubst nicht daran, meine Kleine. Stimmt’s?“ Die Stimme der Alten blieb freundlich, jedoch war es keine Frage, sondern eine Feststellung, zu der Kassandra nur nicken konnte.
„Das wirst du aber noch“, fuhr die Kartenlegerin fort. „Eines Tages.“
„Und wie entscheiden Sie, welche Karte gezogen wird?“ Mit kindlicher Neugierde sah Kassandra auf die runzeligen, dünnen Finger der Frau als sie eine neue Karte ziehen wollte. Bei der Frage erstarrten die Finger und zwei blau funkelnde Augen sahen auf das Mädchen herab.
„Ich entscheide gar nichts. Die Karten tun das. Oder was hinter den Karten steht.“
Kassandra begegnete dem Blick und ließ nicht locker. „Und was steht hinter den Karten?“
Diesmal zuckte ihre Gastgeberin nur mit den Schultern: „Alles zu seiner Zeit.“
Schweigend zog sie eine weitere Karte aus dem Stapel. Sie zeigte einen Wanderer bei Nacht. Er war in Rot gekleidet mit einem Holzstab in der Hand. Hinter ihm raue Felsen, ein Fluss, vielleicht auch das Meer. Im Vordergrund standen acht goldene Kelche übereinander gestapelt. Die dritte Karte zeigte einen Fährmann, sechs Schwerter steckten im Holz und seine zwei Fahrgäste, ein Kind und eine in eine Decke gehüllte Frau, sahen auf den Boden des Bootes. Alle drei dem Betrachter abgewandt.
Die vierte Karte zeigte eine Frau, die Hände vor dem Gesicht, aufrecht im Bett sitzen. Hinter ihr an der Wand hingen neun Schwerter, die Bettdecke mit Rosen bestickt.
Schließlich zog die alte Wahrsagerin noch eine letzte Karte. Darauf war ein hagerer Mann abgebildet, in einen schwarzen Mantel gehüllt. Er hatte seinen Arm gehoben und verbarg damit das Gesicht während er mit gesenktem Kopf auf drei umgestoßene Kelche vor sich starrte, hinter ihm zwei aufrecht stehende Kelche.
Kassandra schauderte beim Anblick der verblassten Bilder. Keines davon schien in irgendeiner Weise freundlich, nicht eines schien etwas Positives zu zeigen. Mit ihren faltigen Fingern fuhr die Frau über die fünf Karten vor ihr auf dem alten Tisch.
„Du siehst Dinge, die andere nicht sehen, träumst Träume, die anderen nicht zugänglich sind. Es ist eine Bürde so zu denken wie du. Wie eine Gefangene fühlst du dich, manchmal zerbrochen und so verloren, dass du nicht siehst, was du noch besitzt. Großes wird geschehen.“
Kassandra schüttelte den Kopf, wollte etwas sagen, aber die alte Wahrsagerin schob die Karten übereinander. 
„Du wirst jung sterben“, sagte sie plötzlich mit ausdrucklosem Gesicht. Kassandra sprang auf, ihr Herz raste.
„Warte“, rief die Frau und hielt Kassandras Handgelenk. „Setz dich. Du wirst jung sterben, aber mehr als einmal leben. In jedes Leben nimmst du jedoch die Bürde von vorher mit. Erst, wenn du das Gepäck endgültig hinter dir lassen kannst, wird das wirkliche Leben beginnen.“
Kassandra sah ihre Gastgeberin aus großen Augen an. Sie fühlte Hitze durch ihren Körper pulsieren. Und Angst. Doch sie tat, was die Frau ihr befahl und setzte sich wieder.
„Erschrick jetzt nicht“, fuhr die Frau mit sanfter Stimme fort, „du wirst eine lange Reise antreten und dein eigenes Grab sehen.“
Diesmal ließ sich Kassandra nicht zurückhalten, sie entzog sich dem Griff ihrer Gastgeberin und rannte zur Türe.
„Du wirst träumen, wenn die Welt es nicht mehr kann. Vielleicht träumst du ja jetzt schon.“
Kassandra blieb stehen und wandte sich um. Die Alte lächelte.
„Ich habe dir drei Vorhersagen versprochen, dazu will ich stehen. Die Dritte lautet: Du wirst nie alleine sein, selbst in der größten Dunkelheit. Auch, wenn du alles zurücklässt. Und am Ende wirst du das finden, wonach du suchst.“
Kassandra trat unschlüssig von einem Bein auf das andere. „Was soll das bedeuten?“
„Mein Kind, wenn du wirklich wüsstest, was das zu bedeuten hat, dann würde ich jetzt nicht mehr hier sein, sondern schnellstens das Weite suchen. Diese Dinge kann und darf niemand verstehen.“
Für einen kurzen Augenblick umwölkten sich die Augen der Wahrsagerin, als Ahnungen dessen durch ihren Geist wehten, was wäre, wenn Kassandra verstehen würde.
 „Wenn du alles verstehen würdest“, fügte die Alte schließlich erklärend hinzu, „dann wärst du vielleicht der gefährlichste Mensch auf der Welt. Du wärst die Trägerin einer Macht jenseits deiner Vorstellungskraft.“
Müde und ausgelaugt ließ sich die Alte wieder in den weichen, bunten Polstersessel zurücksinken und schloss für einige Augenblicke die Lider. Noch niemals, da war sich Kassandra ganz sicher, hat sie einen Menschen mit so vielen und so vielen Falten gesehen wie die alte Wahrsagerin. Jetzt, wo ihr Gesicht entspannt war, waren die Falten noch viel tiefer und auffälliger.
Kassandra wollte etwas entgegnen, aber die Alte brachte sie schnell zum Schweigen: „Ich habe etwas für dich. Das möchte ich dir zeigen.“ Kassandra hielt mit halb geöffnetem Mund inne und sah der Alten zu, wie sie sich schwerfällig aus dem weichen Sessel erhob. Schwulstige, kitschige Kleider in allen Farben des Regenbogens wehten sanft um einen ausgemergelten, alten Körper. An dieser Frau war kein Platz mehr für Fleisch, nur noch Knochen und alte, lederne Haut. Vorsichtig setzte die alte Wahrsagerin einen Fuß vor den anderen, so als hätte sie Angst, bei einer zu schnellen Bewegung ihre Knochen zu brechen. Sie schien den Blick des Mädchens in ihrem Rücken zu spüren, denn nach ein paar müheseligen Schritten sah sie über die Schulter.
„Schäm dich, Mädchen. Man starrt alte Menschen nicht so, denn das Alter ist keine Wahl, sondern ein Fluch, den man tragen muss. Aber jeder Mensch trägt ihn anders – manche mit Würde, andere eben ohne. Ich wage nicht zu sagen, wie ich ihn trage, doch ich hoffe ich mache mir selbst nicht Schande.“
Plötzlich huschte ein jugendhaftes Lächeln über die Lippen der Frau. „Dein Weg ist ein anderer.“
Kassandra blickte beschämt zu Boden.
Schließlich erreichte die Alte eine der großen Truhen und ging mit einem hörbaren Knacken der Gelenke in die Knie. Umständlich fingerte sie in ihren Gewändern umher, bis sie einen alten Eisenschlüssel fand, schob ihn ins Schloss und drehte ihn um. Der mit eisernen Bändern beschlagene Deckel schwang fast von selbst auf – völlig geräuschlos. Aus dem ganzen wertlosen Trödel und Plunder zog sie schließlich ein Buch hervor. Es war alt, abgenutzt und groß. Eine dichte Staubwolke verhüllte ihr Gesicht, als sie einmal über den Einband blies.
„Das habe ich für dich aufbewahrt“, sagte die Frau und reichte es dem Kind mit zitternden Fingern. „Es ist eine Geschichte. Eine wunderbare und zugleich traurige Geschichte. Ein Anfang, eine Mitte und ein Schluss. Stör dich nicht daran, dass das unrealistisch ist.“
Kassandra runzelte die Stirn. „Was soll daran unrealistisch sein?“
Die Alte schüttelte den Kopf. Ein Regen grauer Strähnen ergoss sich von unter dem Kopftuch über ihre Stirn.
„Kein Schluss. Nie ein Schluss. Du wirst verstehen, wenn du älter bist. Jetzt geh. Sonst kommt noch der Vater deiner kleinen Freundin.“
Als Kassandra zur Türe trat, blickte sie sich noch einmal um. Ein seltsames Gefühl bewog sie dazu. So, wie sie manchmal einfach wusste, wenn jemand an sie dachte oder sie beobachtete.
„Ist noch etwas?“, fragte sie, als sie bemerkte, dass die Wahrsagerin sie immer noch anstarrte.
„Vielleicht“, gab diese zu. Durfte sie noch mehr sagen? „Wenn sie dir anbieten zu bleiben... Sag‘ nein, zumindest beim ersten Mal. Es gibt noch viele Straßen, voller Katzen.“

Kassandra trat aus dem Wagen ins Freie, es war dunkel geworden, wie sie überrascht feststellte. Das schwache Leuchten am Horizont zeigte an, dass die Sonne wohl gerade erst untergegangen war und doch zog schon eine beißende Kälte auf, die sich durch ihre Kleidung fraß. Ein Aufflammen am Himmel ließ das Mädchen zusammenzucken. Donner folgte eine Sekunde später. Sie sah nach oben, wo schwarze Wolken den fahlen Glanz der Sterne zu verdecken begannen. Unschlüssig drehte sie sich um, dem Wohnwagen der seltsamen Alten zu. Er stand noch da. Aber wirkte er nicht plötzlich viel älter? War nicht noch mehr Lack abgeblättert und die Speichen der Räder rissiger? Erneut grollte es am Himmel, als würden riesige Steine einen Berg hinunterpoltern. Mit jeder Sekunde wurde die Nacht dunkler, die Wolken dichter und das ferne Leuchten am Horizont schwächer. Sie wollte laufen, nach Hause, weg von hier an einen sicheren Ort. Aber die Stimme der Frau war noch in ihrem Kopf. Sie würde jung sterben. Wie jung? Noch in diesem Jahr? Im nächsten? Vielleicht mit zwölf? Schließlich fasste sich das Mädchen ein Herz und ging zu dem Wagen der Alten zurück. Der Wind des aufziehenden Gewitters rüttelte am Rahmen des Gefährts, ließ die hölzernen Achsen vor Schmerz stöhnen.
Vorsichtig setzte Kassandra einen Fuß auf das vordere Wagenrad und zog sich am schmalen Vorsprung der Fensterbank nach oben. Verstohlen sah sie über den unteren Rand des Fensters in den Wohnwagen hinein. Über dem Kopf der Alten pendelte eine Öllampe, deren unruhiger Schein tanzende Schatten auf die Wände und Tücher warf. Sie schien mit den Karten vor sich zu spielen. Die vergilbten Blätter lagen wild verstreut vor ihr auf dem Tisch. Wie wahllos fasste die Frau in den Haufen und zog eine Karte heraus. Mit einem Grinsen, das Kassandra von der Seite mehr erahnen denn sehen konnte, legte sie diese vor sich hin, so, dass das Mädchen die Abbildung darauf gerade nicht sehen konnte. Mit flinken Fingern beförderte sie noch eine Karte direkt daneben. In diesem Moment hätte Kassandra alles gegeben, um die Karten zu sehen. Eine Sekunde später bereute sie es schon. Als hätte die Wahrsagerin ihren Gedanken gehört, lehnte sich die alte Frau zurück und gab den Blick auf die Karten frei. Die eine Karte zeigte eine Frau auf einem Thron, zwischen zwei Säulen, die eine Schwarz, die andere Weiß. Sie trug lange Gewänder, und als Kassandra die Augen zusammenkniff, um das Gesicht der Abgebildeten besser sehen zu können, glaubte sie sich selbst darin zu sehen. Mit einer kaum merklichen Bewegung ihrer Hand schob die alte Wahrsagerin die zweite Karte darüber. Sie zeigten einen Mann in einer schwarzen Rüstung auf einem weißen Pferd. Doch es war kein Mann, wie Kassandra erschreckt feststellte. Es war ein Skelett. Und zu seinen Füßen lag ein toter König. Eine Frau, ein Kind und ein Geistlicher knieten vor der Erscheinung. Kassandra hatte keinen Zweifel – das war der Tod.
In diesem Moment drehte sich die Wahrsagerin Kassandra zu. Dabei zog sie sich das bunte Tuch vom Kopf und weiße Haare, grell wie Schnee, standen wirr von ihrem alten Kopf ab. Doch die Augen waren es, die Kassandra vor Angst aufschreien ließ. Sie waren nicht mehr blau wie Opale, sondern schwarz wie das Meer bei Nacht. Ohne Pupille. Finstere Abgründe. Vor Schreck und Überraschung verloren Kassandras Finger die Kraft, und das Mädchen fiel rückwärts hinunter auf den weichen, schlammigen Boden der hier die Tümpel und Schilfmeere umgab.  
„Kassandra, ist alles in Ordnung mit dir?“
Verwirrt sah das Mädchen sich um, Als ihr Vater, begleitet von Letizia und deren Vater, über die Straße herübergerannt kam. Das Mädchen blieb einfach liegen, bis die starken Hände der Männer sie hochhoben und besorgte Blicke ihren Körper musterten.
„Fehlt dir etwas? Geht es dir gut?“ Die Stimme ihres Vaters überschlug sich fast.
„Ist ok“, sagte Kassandra schließlich. „Die alte Wahrsagerin in dem Wohnwagen hat mich nur erschreckt.“
Ihr Vater sah sich um. Hinüber zum Tümpel, über das Schilf und dann den Kiesweg hinauf.
„Welcher Wohnwagen?“
Kassandra befreite sich aus seinem Griff und wandte sich dem Ort zu, an den sie sich vor Sekunden noch geklammert hatte. Doch da war nichts. Überrascht, verwirrt und immer noch etwas ängstlich sah sich das Mädchen um, begleitet von den sorgenvollen Blicken der Erwachsenen. Alles was sie fand, waren vier Vertiefungen in der feuchten Erde. Dort, wo wohl die Räder des Wagens geruht hatten.

Lange, nachdem Kassandra und ihre Begleiter gegangen waren, saß die alte Frau noch an ihrem Tisch und betrachtete die in den Tisch geschnitzten Initialen. Hätte sie dem Mädchen vielleicht mehr verraten sollen? Unentschlossen fuhr sie die Spuren im Holz nach. Ihr war, als wäre es erst gestern gewesen, dass sie hier gesessen und ihren Gast bei der Arbeit beobachtet hatte. Ja, sie hätte Kassandra mehr erzählen können. Von sich und von der jungen Frau, zu der das Mädchen einmal heranwachsen würde. Vielleicht das nächste Mal. Mit einem lauten Seufzen erhob sie sich. Gerade rechtzeitig. Es klopfte am Wohnwagen. Sie sah durch das Fenster nach draußen. Ein anderer Ort, eine andere Zeit. Sie öffnete die Türe und sah über den Fremden, der dort stand, hinweg. Düstere, kahle Hügel erstrecken sich hier und einem glutroten Himmel. Verdorrte Bäume, versengt zur Farbe von schwarzer Kohle streckten ihre toten Äste in den Himmel und über allem lag der Geruch von Verwesung und Tod.
„Hast du sie getroffen?“ Fragte der Mann vor der Türe. Die Alte nickte. Es lag noch viel Arbeit vor ihr und nur noch wenige Jahre. 

Dienstag, 9. August 2011

Die Göttin der Grauen

Regendurchtränkt stand Kassandra auf einer weiten Wiese, die knapp an dem Punkt, an dem die Erde weit am Horizont in den Himmel überging, von einem Wald umrissen wurde. Der Wald schien die ganze Wiese zu umschreiben, so als wäre sie nur eine sehr große Lichtung. Regen fiel unablässig vom Himmel und ließ die Haare des Mädchens in glänzen Strähnen in ihr Gesicht fallen aber sie fand es nicht schlimm, denn sie fielen warm und leicht. Sommerregen.

Ihre Schuhe und Socken waren irgendwann zwischen dem Moment, in dem sie durch die Türe des Clubs gegangen und schließlich hier aufgewachte, verschwunden. Ihre nackten Füße sanken etwas im feuchten Gras ein und Wasser kitzelte an ihren bloßen Zehen. Ein gar nicht so unangenehmes Gefühl, wie sie bemerkte. Kassandra ging ein paar Meter die gurgelnden Geräusche des Wassers unter ihren Fuß0sohlen leisteten ihr Gesellschaft. Vielleicht, dachte sie bei sich, hatte man ihr etwas in die Getränke oder das Essen getan, und danach, immer noch bewusstlos, hier ausgesetzt. Natürlich hätte sie dazu etwas von den Männern im Club annehmen müssen – was sie aber strikt abgelehnt hatte. Sie stand vor einem Rätsel.

Das Mädchen hatte nur eine Hand voll Zeit, ihre Umgebung zu mustern, bevor sie den dunklen Umriss sah, der sich langsam vom Wald her näherte. Zuerst sah sie ihm mit Neugierde entgegen, doch je näher er kam, desto gemischter wurden ihre Gefühle. In das Gefühl des Interesses mischte sich eine subtile Form der Angst und die alte Paranoia, die ihr schon seit Monaten zu schaffen machte, kam wieder hoch. Die Erinnerungen an ihren Bruder, die seltsamen Stimmen die manchmal in ihrem Kopf sprachen und die Wahrnehmungsstörungen – immer wieder die Flashbacks an Erinnerungen, die sie gar nicht haben konnte. Das Wasser unter ihren Füßen gluckerte und gurgelte leise, als sie unschlüssig von einem Bein aufs andere trat und nach einem Ausweg suchte.

„Hast du schon die Schatten gesehen?“

Das waren die Worte der Männer im Club gewesen.

„Vielleicht bemerkst du, dass sich dein Verstand in ihrer Nähe ändert, dass du Dinge sehen kannst, die eigentlich unsichtbar sein sollten, dass du Menschen triffst, die eigentlich nicht leben sollten und dass du Erinnerungen hast, die nicht die Deinen sind.“

Natürlich hatten die Worte keinen Sinn gemacht – zumindest damals. Sie hatte nur normale Schatten gesehen, wie sie alle Stoffe im Licht warfen.  An denen war nun wirklich nichts Ungewöhnliches gewesen. Aber jetzt, wo der dunkle Umriss sich näherte, fühlte sie sich, wie ein Radio, das gerade an der Grenze zu einem bestimmten Sendegebiet stand – und der Sender kam immer näher. Das weiße Rauschen, der pochende Schmerz in ihrem Kopf, wurde langsam durch etwas Anderes ersetzt. Es war ein Gefühl, als würde sie in zwei Personen gespalten, die eine Person war sie, das Leben das sie führte, die Erinnerungen die sie hatte. Genau jetzt und hier. Der Mensch, der zu sein sie überzeugt war. Bei der anderen Person handelte es sich jedoch um ein gänzlich fremdes Mädchen, eine junge Frau, die in einer anderen Welt gelebt hatte, mit schlimmen Erinnerungen eingeschlossen in ihrem Kopf. Die Kassandra, die sie war, wollte sie vor diesem anderen Mädchen beschützen, vor ihren Erinnerungen und vor ihrem Schicksal. Sie war es auch, die Kassandra dazu veranlasste, sich den Kopf zu halten und zu schreien.

„Nein, es soll aufhören.“ Rief sie in den Regenschleier hinein. Ihre Worte gellten laut über die Wiese, tönten bis zum Wald hinüber, waren auch hinter dem Waldrand noch als Echo zu hören. Aber es half nichts.

Natürlich hatte sie einen Bruder, er war Journalist. Am Liebsten aß er Himbeereis mit Schlagsahne. Er lachte gerne und half Kassandra, wenn sie mit ihrer Mutter wieder Probleme hatte, obwohl er nicht verstehen konnte, was in der Familie nicht stimmte. Ihr Bruder lebte in einer eigenen, perfekten Welt die durch nichts ins Wanken gebracht werden konnte. An der Universität trafen sie sich ziemlich oft, weil er dort noch ein weiteres Studium belegt hatte und Kassandra selbst immer wieder die Vorlesungen eines bestimmten Professors besuchte.

„Das bin nicht ich“, schrie sie trotzig. Ins Gras sinkend versuchte zu schreien, als sie innerlich von zwei Wahrheiten zerbissen wurde. Wie konnte sie gleichzeitig ein Einzelkind sein und einen Bruder haben?

Aber ihr Bruder war nicht das einzige Kind in der Familie gewesen. Da war auch noch eine Schwester, Taminah. Sie lebte aber nicht mehr, war gestorben, als Kassandra noch klein gewesen war. Ihre Mutter hatte sich damals verändert, die Schuld auf den Vater und Kassandra geschoben. Deshalb hatte sich Kassandra Vater auch scheiden lassen und war weggezogen.

Der Schatten auf der Wiese näherte sich dem Mädchen, das nun weinend im Gras lag. Ihren Mund zu einem stummen Schrei aufgerissen, versuchte sie die Bilder zu vertrieben, immer wieder murmelnd, was sie für die Wahrheit hielt.

„Ich habe keinen Bruder und keine Schwester. Mein Vater lebt zu Hause und ich war nie bei einer Vorlesung an der Universität.“

Sie wusste, dass das die Wahrheit sein musste. Noch ging sie ans Gymnasium und hatte sogar gute Noten, ihr Leben war nicht perfekt, lief aber in geordneten Bahnen.

Taminah war drogensüchtig gewesen, deshalb hatte sie immer aus der Nase geblutet und, wenn sie sich das Kokain nicht leisten konnte, Heißhunger auf Schokolade entwickelt. Ihr Vater war ein gütiger, freundlicher Mann gewesen, mit dem man Spaß haben konnte, der aber auch über ernste Themen so sprach, dass sich niemand verletzt fühlte. Ihre Mutter hatte Taminah abgöttisch geliebt, hatte aber deswegen nie auf Kassandra herumgehackt. Bis Taminah schließlich gestorben war.

Unsägliche Schmerzen durchzuckten Kassandra, als sie das Gesicht ihrer Mutter am Sarg der Schwester sah. Auch ihr Vater war da, aber er wirkte verschlossen, so als wüsste er, wie sich seine Frau bald verändern würde – wie sie zu etwas werden würde, das er nie lieben konnte und auch nicht lieben wollte.

Kassandra hatte das Gefühl, als würden zwei Boxer neben ihr stehen, einer links und einer rechts. Abwechselnd schlugen sie auf ihr Gesicht ein. Einmal wurde sie nach links gestoßen, dann wieder nach rechts und egal was sie tat, es war alles nutzlos.

Die andere Kassandra, die völlig neu und fremd war, hatte auch Erinnerungen an einen dunklen Ort, eine Ebene voller Megalithen unter einem purpurnen Himmel. Alleine, verlassen. So hatte sie sich gefühlt. Hingeführt zur Schlachtbank. In der Ferne ragte der größte Stein empor, den die Erde je gesehen hatte. Ein Turm. Das seltsame Gefühl der letzten Monate bekam eine tiefere Bedeutung, als ihr klar wurde, dass es dieser Turm war, der immer am Rande ihres Bewusstseins herumgestanden hatte. Von dort oben war sie in die Tiefe gestürzt, zurück in die Realität. Oder war dazwischen noch etwas gewesen?

Verwirrt, schwindelig und ausgeblutet raffte Kassandra den Rest ihrer Willenskraft zusammen und stand auf. Der Wirbel in ihrem Kopf, die Spaltung, war schon lange unerträglich geworden. Sie hatte nicht einmal gemerkt, dass der Schatten immer näher gekommen war und jetzt nur noch ein paar Meter entfernt stand. Gefährlich schwankend drehte sie ihm den Rücken zu und begann damit, einen Fuß vor den anderen zu setzten. Beinahe augenblicklich beschleunigte sich ihr Puls und Schweißperlen rannen ihr vor Anstrengung über das Gesicht.

Das Mädchen hörte nichts mehr, außer ihrem eigenen Keuchen, als sie Schritt für Schritt über die Wiese stolperte, nur von dem Wunsch angetrieben, möglichst weit von dem Schatten weg zu kommen. Ihre Lungen schienen der Anstrengung nicht gewachsen zu sein, ihr Atem kam rasselnd und unregelmäßig, die Bronchien brannten und schmerzten. Kassandra konnte spüren, wie ihr der Schatten beharrlich folge, so als wäre es ihr eigener, stumm und stur. Es macht ihr Angst, wie er an ihr kleben blieb. Wenn er wenigstens etwas gesagt hätte. Sie musste beinahe lachen, trotz des Sturms in ihrem Kopf und den Schmerzen in ihrer Brust. Wie konnte sie erwarten, dass ein Schatten mit ihr sprach? Wahrscheinlich wurde sie einfach nur verrückt – so wie es ihre Mutter schon lange vermutete. Wenn sie aufwachte, würde sie wohl an ein Bett in einem weißen Zimmer gebunden sein.

„Ein Zimmer mit einer Uhr, die langsam die Sekunden wegtickt und einem Gedichtband eines toten Schriftstellers auf dem Nachttisch?“

Kassandra selbst hatte diese Worte gesagt und sie wusste, dass das schon wieder eine dieser verrückten Erinnerungen aus einem Leben war, das sie gar nicht gelebt hatte. Jenes andere Mädchen, ja, sie hatte jenes weiße Zimmer gekannt. Die arme Verrückte.

Am Ende blieb das Mädchen stehen, weil sie gegen etwas stieß. Dieses Etwas war groß, weich und fließend. Es dehnte sie, als sie dagegen stieß, war fest und elastisch zugleich. Sie schüttelte den Kopf, um den Nebel etwas zu vertreiben und zu sehen, wogegen sie nun wirklich gerempelt war. Zu ihrer Überraschung stellte sie fest, dass es eine andere Person war – eine Frau. Eie unglaublich große, dünne Frau, mindestens einen Kopf größer als Kassandra, die selbst nicht gerade klein war.

Die Fremde schien eine eigentümliche Mischung aus Engel und Dämon zu sein. Ihre Züge waren fein geschnitten und ihre Haut hatte das Weiß von poliertem Perlmut. Soweit glich sie einem Engel, doch die schmale Nase, deren Spitze scharf und leicht nach oben gebogen war, sowie der schmale Mund und die geschwungenen Augenbraunen, gaben ihr etwas, das weit ab von der Vorstellung eines Engels war. Ihre Haare flossen wild um das schmale Gesicht, den schlanken Hals hinunter über die Schultern und ergossen sich wie ein Wasserfall über die Brüste der Frau. Lange, weiße Gewänder verhüllten ihren Körper aber nicht die nackten Füße.

Fast so als könnte sie die Angst des Mädchens spüren, legte die Fremde ihre schlanke, weiße Hand auf Kassandra Schulter und lächelte sie beruhigend an. Obwohl sie den Mund nicht bewegte, konnte das Mädchen die Stimme der Frau in ihrem Kopf hören.

„Hab’ keine Angst. Sie wollen nur mit dir tanzen,“ lauteten die Worte und ohne auf eine Antwort zu warten ergriff sie die Hände des Mädchens, um schlang ihre Finger mit den ihren und gemeinsam begannen sie zu tanzen. Zuerst waren es nur enge Kreise, in denen Kassandra herumgewirbelt wurde, doch je mehr sie im Tanz versank, sich fallen ließ und den Lärm in ihrem Kopf vergaß, umso größer, anmutiger und eleganter wurden die Bewegungen. Es war ein wilder Tanz in dem doch Ruhe steckte und die warme Berührung der Fremden flößten Kassandra wieder Mut ein. So als wollte sie Kassandra dazu auffordern, auch den letzten Rest ihrer Bedenken abzulegen, drückte die fremde Frau immer wieder die Hände des Mädchens sanft zwischen ihren Fingern. Auch der Schatten stimmte in den Reigen mit ein. Wie ein Kavalier tanzte er um die beiden Frauen herum, verbeugte sich leicht, tippte sie an den Schultern an und entfernte sich wieder. Ein außenstehender Betrachter hätte sich vielleicht in längst vergangene Zeiten zurückversetzt gefühlt, als die Frauen und Männer strengen, getrennten Tanzschritten folgten, beobachtet von einem unerbittlichen Majordomo.

 Während sie tanzten, trennte sich Kassandra Geist, ihre Essenz von ihrem Körper und einen Augenblick später stand sie buchstäblich neben sich und sich selbst betrachten. Sie war überrascht, als sie den friedlichen Ausdruck auf ihrem Gesicht sah. Kein Sturm tobte mehr in ihrem Kopf, alles wirkte ruhig und frisch, so als wäre sie aus einem langen Schlaf aufgewacht. Die beiden Seelen in ihr schienen sich vereint zu haben, in Harmonie und auch die Erinnerung war zurückgekehrt. Sie wusste jetzt wieder, wie dieses andere Leben ausgesehen hatte und es war kein Widerspruch mehr zu dem Leben, das sie jetzt führte – viel mehr eine Erweiterung, ein Zusatz ihrer Existenz. Endlich war sie komplett, so vollständig wie noch nie zuvor in ihrem Leben.

Auch ihre unbekannte Tanzpartnerin hatte sich von ihrem Körper gelöst und stand als durchschimmernder Geist neben Kassandra.

„Es freut mich dich zu sehen,“ sagte sie und klopfte Kassandra mit ihrer Geisterhand auf die Schulter.

„Ich wusste, dass du kommen würdest. Obwohl schon mancher hier war, bist du die erste, die wirklich verstehen wird, was dieser Ort ist und was die Inschrift bedeutet.“

Kassandra wusste nicht, wovon die Frau sprach, aber auf einen Wink hin drehte sie sich um und sah die hohe Mauer.

Die Mauer eines Friedhofs, das erkannte Kassandra sofort. Die großen Steine, sorgfältig zusammengesetzt, und das hohe Eingangstor verströmten eine Erhabenheit, die gar nichts anderes bedeuten konnten, als das dies ein Ort der ewigen Ruhe war. Ein kleiner Weg führte unter dem Torbogen hindurch hinein die die letzte Ruhestätte so vieler. Was dahinter lag, konnte man nicht erkennen, da die Gasse nach ein paar Metern eine Kurve machte. Dabei konnte sich Kassandra ohnehin nicht ganz konzentrieren, denn da war immer noch der Schatten hinter ihr und sie erwartete halb, dass er jeden Moment entdecken würde, dass er nur mehr mit ihrem leeren Körper tanzte und nach ihr, ihrem Geist, suchen würde. 

„Mach dir keine Sorgen um den Schatten“, beruhigte sie ihre Begleiterin in Weiß, „er wird nicht merken, was geschehen ist. Alles was er will ist mit uns tanzen und genau das wird er auch tun. Du brauchst auch keine Angst zu haben, dass Deinem Körper etwas geschieht, an diesem Ort bist du vollkommen sicher.“

Die Frau seufzte und sah für einen Moment traurig aus: „Alles was die Schatten haben, ist die Hoffnung, dass sie eines Tages wieder leben dürfen. Du bist der Segen und der Fluch zugleich.“

Kassandra runzelte die Stirn: „Was bin ich?“

Die Frage beinhaltete mehr, als Kassandra im ersten Moment dachte, doch als die Worte zwischen ihr und der Frau standen, wurde sie größer und größer, bis sie nicht mehr nur eine Bitte um Klarstellung, sondern die Bitte um universelles Verständnis ihrer Existenz war. Das Mädchen erschrak, als die Größe ihrer Bitte erkannte, aber ihr Gegenüber nickte nachsichtig und verlangte von ihr: „Lies die Inschrift.“

Ohne zu wissen was sie tat, sah Kassandra zum Tor der Friedhofsmauer hinauf und dort standen sie, die Worte. Sie ließ sich Zeit jeden einzelnen Buchstaben sorgfältig zu lesen, fügte sie zu Worten und diese schließlich zu einem Satz zusammen. Wie warmes Karamell zerschmolzen sie auf ihrer Zunge, boten Bedeutungen an, setzten Gedanken in Bewegung und schließlich erstaunte es Kassandra nicht einmal sehr, als Erkenntnis sie durchzuckte: „Ich bin tot“, sagte sie in einem beinahe verträumten Ton.

Die Inschrift lautete:


DIE LEBENDEN LEBEN IN DER ERINNERUNG DER EWIGEN TOTEN


Ihre Begleiterin nickte, hielt kurz inne, schüttelte den Kopf, nur um dann noch einmal zu nicken.

„Ja, du bist gestorben, wie du dich sicher erinnern kannst. Als der Glockenturm zusammenstürzte, hat auch die Welt aufgehört zu existieren, zusammen mit dir. Aber dann ist etwas geschehen, etwas hat dich gerettet und die Welt begann von Neuem. Ich kann dir nicht sagen warum, da ich es selbst nicht verstehe und auch die anderen können es nicht verstehen.“

Kassandra zog eine Augenbraue fragend hoch: „Welche anderen?“

Die Frau lachte hell und deutete auf die Friedhofsmauer: „Die, die dich hier begraben haben, als du dich für die Welt geopfert hast.“

Als die Frau sah, dass Kassandra immer noch nicht verstanden hatte, fügte sie hinzu: „Die Katzen natürlich. Sie waren es, die dich nach deinem Tod hierher gebracht haben. Wir haben dich gemeinsam begraben, in dem Glauben, dass die Welt ohne dich weiter bestehen würde. Aber plötzlich warst du wieder da. Und man erinnerte sich an dich. Es können seltsame Dinge geschehen, wenn man sich an Tote erinnern.“

Unschlüssig trat Kassandra von einem Bein auf das andere, eine Angewohnheit, die sie wohl nicht einmal mit dem Tod abgelegt hatte.

 „Heißt das,“ fragte sie, „dass die Welt wegen mir untergegangen ist und dann wieder zu existieren begonnen hat?“

Die Fremde nickte: „Ja, ungefähr so. Du bist ein Relikt aus einer längst vergangenen Zeit. In deinem Kopf leben die Spielzeuge von toten Männern und Frauen weiter. Kräfte, die man längst nicht mehr kennt. Ebenso wie deine Schwester Taminah warst du in der Lage, die Realität um dich herum zu verändern, ein Tor zu schaffen, dass niemals geschaffen hätte werden dürfen. Du hast dich selbst geopfert, um die Welt zu retten. Eigentlich hätte eine neue Welt entstehen sollen, eine, in der es keine Tore mehr gibt. Niemand weiß, was dann wirklich passiert ist. Es war so, als hätte jemand einfach die Zeit zurückgedreht und dir das Gedächtnis genommen. Eine alternative Realität ist entstanden, eine, in der du keine Tore öffnen kannst und in der deine Schwester nie geboren wurde, eine Welt, in der es keine Organisationen gibt, die dich für ihre Zwecke manipulieren können. Nicht einmal die alten Magier, die immerhin die Schattenwesen von der Erde getilgt haben, hatten die Macht eine solche Veränderung vorzunehmen. Was auch immer es war, es muss unendliche Macht besitzen und es muss irgendwie an deinem Schicksal interessiert sein.“

Kassandra staunt, als sie all dies hörte. An vieles konnte sie sich sogar erinnern – jene Träume, die sie zum Megalithhain geführt hatten, die Bücher, in denen sie über die Erbauer gelesen hatte, ohne je zu glauben, dass sie wirklich einmal existiert hatten. Und natürlich an den Turm, der die Schatten von dieser Welt abgehalten hatte. Am Ende hatte sie dort oben gestanden und damit die Welt in den Abgrund getrieben. Wieder sah sie sich auf der Spitze des Turmes, hinunterblickend. Das war die einzige Möglichkeit gewesen. Um die Welt zu retten. Um sich selbst zu retten. Aber hatte man ihr damals nicht gesagt, sie würde eine Reise antreten? War dies vielleicht schon die Reise?

Ihre Begleiterin riss sie wieder aus den Gedanken: „Ich weiß nicht genau, was im Moment vor sich geht, aber in der Welt dort draußen gibt es jemanden, der sich an dich erinnert und mit der Erinnerung kam auch deine Erinnerung zurück. Irgendwie hat das dazu geführt, dass die zerbrechliche Struktur dieser neuen Realität langsam zu bröckeln beginnt. Doch Erinnerungen und Welten sind eifersüchtige Tiere, sie dulden keine anderen neben sich. Deine Erinnerung ist nur der Anfang. Auch die Schatten, die schon verbannt schienen, kommen langsam wieder durch. Wenn es so weitergeht, wird auch diese neue Welt bald in Scherben liegen.“

Kassandra blickte in den Regen, auf ihren eigenen, tanzenden Körper.

„Wer ist der Schatten?“ Sie deutete auf den Tänzer.

„Nur eine Erinnerung,“ flüsterte die Frau, „einer jener, die eigentlich nicht mehr sein hätten sollen. Du bist ihr Ausweg, ihre Möglichkeit zu leben. Du bist die Göttin der Grauen.“

Bei dem Titel fröstelte es Kassandra. Die Göttin der Grauen. Was sollte das bedeuten. Die Nähe des Friedhofs lastete schwer auf ihr. Wie ein Mühlstein um ihren Hals.

„Liegen die ewigen Toten dort?“

Die Frau schüttelte auf Kassandra Frage den Kopf. „Nein, sie gehen wieder auf der Welt um. Befreit von den Barrieren, die dein Opfer neu errichten hätte sollen. Es ist eine verkehrte Welt. Und nichts kann Leben, solange sich die ewigen Toten nicht erinnern.“


Tief unterm Berg liegt der König der Welt
wartend auf den letzten Tag
nichts was er zu tun vermag
Erst lebendig, wenn der letzte Mensch fällt
 

Erschrocken über die eigenen Worte taumelte Kassandra einige Schritte zurück, die die starken,schlanken Arme der Frau umfingen sie.

„Du erinnerst Dich an das Gedicht. Das ist gut.“ Ihre Stimme klang überschwänglich, fröhlich, so voller Hoffnung. Kassandra wollte in Tränen ausbrechen.

„Was muss ich tun?“ Brachte sie schließlich hervor.

Die Frau deutete auf den Friedhof.

„Zur Wanderin Hinter den Schleiern werden. Einem Symbol. Eine Welt durchwandern, welche nicht diese ist und dich stellen.“

Regen rann in Kassandra Augen und alles was sie sah waren verschwommene Schemen. Doch sie blinzelte nicht, ließ das salzige Wasser ihres Körpers sich mit dem süßen Nass des Himmels vermischen und gemeinsam rannen sie über ihre Wangen.

„Wem oder was soll ich mich stellen?“

Die Stimme der Frau wurde hauchzart wie der Wind, aus der Ferne hergeweht und genauso zerbrechlich.

„Alle. Der Welt jenseits der Illusionen. Den Mönchen in ihrer Festung und schließlich dem unterm Berg selbst. Werde zur Wanderin, die auf einen alten Stock gestützt den Bergkamm herunterkommt und die Welt heimsucht.“

Plötzlich erinnerte sich Kassandra wieder. Jenes Bild in der Galerie. Der kahle, graue Berg unter dem purpurnen Himmel. Ein schmaler Pfad über eine tote Landschaft und jene seltsame, in weite, graue Gewänder gehüllte Gestalt, über dem Kopf eine Kapuze, in der Hand ein alter Stab. Das war sie gewesen. Kassandra hatte ihre Zukunft gesehen.

Samstag, 6. August 2011

Sternennacht

Sie lagen Seite an Seite auf dem kalten Asphalt und blickten hinauf in den samtenen, sternenübersäten Himmel, der sich wie eine gigantische Halbkugel über diese Hemisphäre der Erde spannte - vielleicht eine überdimensionierte Kugel, wie sie Kinder zum Spielen verwenden: mit einer Winterlandschaft darin und kleinen weißen Flocken, die wild herumstoben, wenn man die Kugel fest schüttelt. Aber wie sie so da lagen und nach oben blickten, kam ihnen das nicht in den Sinn, denn obwohl der Himmel flach aussah, als wären all die Lichtpunkte auf derselben Höhe und nicht unendliche Strecken voneinander entfernt, konnten sie doch erahnen, wie gewaltig das Universum in seiner Gesamtheit war, wie gewaltig einfach alles da draußen war und wie winzig die Erde. Ein Universum, in dem nichts unmöglich war, ein Universum voller Möglichkeiten und voller Magie.
Sie lächelte zum Funkeln eines Sternes, ein unruhiges Flackern. Wie wenig wusste man eigentlich über die große Dunkelheit? Wie viele Fehler hatten die Männer und Frauen gemacht, die jene Sätze aufgestellt hatten, nach denen sich die Schöpfung scheinbar drehte?
Es waren nur zwei Personen auf dem Dach, er und sie. Beide versuchten an nichts Anderes zu denken, als an die majestätische Erscheinung des Nachthimmels, wie er sich ihnen hier offenbarte, auf dem Dach eines dreißigstöckigen Gebäudes, den kalten Asphalt unter ihnen, den warmen Wind der Augustnacht um sie herum und das ferne Geräusch des Verkehrs von irgendwoher.
Schließlich rollte sie sich zur Seite und sah ihn an. Plötzlich wollte sie nicht mehr an die Unendlichkeit denken, sondern sich an das Hier und Jetzt festklammern. Sie versuchte jedes kleinste Detail seines Profils aufzufangen, wie er zu den Sternen aufsah, die Nase gen Himmel, die Augen nach oben gerichtet, in ihnen das Funkeln von Neugierde und einer einzigartigen Nacht. Sie blickte an seiner Haarlinie entlang, der Ohrenbart, der in einen dünnen Backenbart überging, bis zum spitzen Kinn, wo die Haare ein kleines bisschen länger waren. Jede Unebenheit seines Gesichtes registrierte sie, dachte sich, welche Geschichte dieser Schnitt knapp unter seinem Kinn hatte, ob die Narben an der Backe noch von der Pubertät stammten. Würde sie diese Geschichten je zu hören bekommen? Er blickte unverwandt nach oben, ohne zu zwinkern, sein Atmen kaum zu sehen. Bemerkte er sie überhaupt?
Und während sie ihn beobachtet, konnte er ihre Blicke beinahe physisch spüren, elektrisierende Blicke, so als würde er mit dem Gesicht über einen Draht mit extrem niedriger Spannung gleiten, nicht stark genug um unangenehm zu sein, aber stark genug, um all die kleinen Härchen auf seiner Haut aufstehen zu lassen. Und er genoss den Blick, ebenso wie er die unendliche Weite des Panoramas dieser Nacht genoss, schweigend und ruhig. Sie ließ ihre Augen über seine Lederjacke wandern, über die engen, blauen Hosen aus Jeansstoff, hinunter zu den spitz zulaufenden Stiefeln, die er sich aus einer Laune heraus gekauft hatte, ohne tiefer darüber nachzudenken.
Sie rollte sich irgendwann herum, ließ ihren Rücken wieder auf den kalten Asphalt sinken und genoss den Moment, als die Kälte ihre Kleider durchdrang und auf ihre warme Haut stieß. Ein Schauer lief durch ihren ganzen Körper, hinauf bis zum Scheitel und hinunter zu den Zehenspitzen – sie blieb ganz ruhig liegen.
„Du bist hübsch.“
 Ihre Feststellung klang wie eine Frage, oder eine Mischung aus beidem, aber es kam keine Antwort, er lag einfach da und sah nach oben, zu den Sternen, die so unendlich weit entfernt waren.
„Ich finde du bist sehr hübsch.“
Diesmal klang es weniger nach einer Frage, eine gewisse Bestimmtheit lag in den Worten, die keinen Widerspruch duldete.
„Warum sagst du das?“
Es lag keine Emotion in seiner Stimme, er schien von sehr weit weg zu ihr zu sprechen.
„Ich weiß nicht, ich finde einfach, dass du hübsch bist.“
Er drehte den Kopf etwas zur Seite, gerade genug, dass er sie aus dem Augenwinkel heraus beobachten konnte, sie konnte das Weiß in seinen Augen erkennen, wie es im Dunklen der Nacht funkelte. Es gefiel ihr nicht und sie sah wieder hoch zum Himmel.
„Du solltest so etwas nicht sagen,“ erwiderte er, „du solltest nie solche Dinge sagen. Weder heute noch an einem anderen Tag. Schau lieber nach oben, man könnte ein ganzes Leben damit verbringen die Sterne zu beobachten, ohne je müde zu werden – ohne dabei von Liebe oder anderen Dingen zu sprechen.“
Sie schloss die Augen für einen Moment und versuchte sich die Sterne einfach nur vorstellen, das Bild aus ihrer Erinnerung abzurufen aber es ging nicht, seine Worten waren übermächtig, sie öffnete die Augen wieder.
„Du hast dich verändert. Am Anfang warst du nicht so.“
Es kam keine Antwort zurück, statt dessen beobachten sie beide wieder den Sternenhimmel, das Licht, die unterschiedlichen Helligkeitsgrade. In dieser Nacht stand kein Mond am Himmel, der die Sicht verdeckt hätte, was aber auch bedeutete, dass es eine sehr dunkle Nacht war.
„Vielleicht,“ sinnierte er nachdenklich, „habe ich mich wirklich verändert. Oder du siehst mich einfach anders als vorher. Es ist nie gut von Liebe zu sprechen, man gibt damit unausgesprochen ein Versprechen, das man am Ende nicht halten kann.“
Überrascht sah sie zu ihm hinüber.
„Was für ein Versprechen?“
Wieder bekam sie keine Antwort auf ihre Frage. Beide verstummten und sahen schweigend hinauf zum majestätischen Firmament.
„Wusstest du, dass das Licht dieser Sterne viele Millionen Jahre braucht, um hierher zu kommen? Wenn wir es sehen, existieren diese Sterne vielleicht schon nicht mehr.“
Sie nickte: „Ich weiß und es macht mir Angst. Es erinnert mich an uns, eigentlich an alle Menschen. Du existierst auch nicht mehr so, wie ich dich noch immer sehe. Es macht mir Angst.“
Beide schwiegen für einen Augenblick.
„Es werden neue Sterne an ihrer statt entstehen, es geht immer irgendwie weiter. Es ist faszinierend. Was glaubst du, wie viele dieser Sonnen Zentrum eines bewohnten Sonnensystems sind? Wie viele Planeten wie diesen hier gibt es, auf denen Wesen wie du und ich in einer warmen Nacht auf einem Gebäude liegen und nach oben blicken.“
Eigentlich hätten sie in dieser Nacht gar nicht auf diesem Dach sein dürfen – in keiner Nacht, das wussten sie. Der Zutritt hier war strengstens verboten. Wenn einer der vielen Wachmänner sie finden würde, dann gerieten sie in große Schwierigkeiten. Im Grunde aber kümmerte sie das nicht, beide wollten hier sein.
„Es sind unendlich viele bewohnte Planeten da droben, weil das das Ziel ist, es hätte keinen Sinn, wenn es nicht so wäre.“
Sie war sich dieser Sache ganz sicher.
„Und in ein paar Tausend Jahren werden es noch mehr bewohnte Planeten mehr sein – und irgendwann werden die Menschen sie alle entdecken, benennen und man wird sehen, wie alles weitergeht.“
Er setzte sich auf und schlang seine Arme um das eine Knie.
„Aber irgendwann werden es keine mehr sein, irgendwann wird da kein einziger bewohnter Planet mehr sein.“
Vorsichtig, als hätte sie Angst, dass er sie wieder wegstoßen würde, legte sie ihren Arm um seine Schulter. In diesem Moment klang ihre Stimme so, als müsste sie jeden Augenblick zu weinen beginnen: „Hast du Angst?“
Für einen Sekundenbruchteil, gerade einen Lidschlag lang, sahen sie sich in die Augen und jeder sah in denen des anderen ein leichtes Glänzen. Da fiel ihm die Antwort leichte: „Ja, ich habe Angst. Manchmal habe ich eine solche Angst, dass ich keine Luft mehr bekomme und fürchte zu ersticken.“
Er löste sich aus ihrer Umarmung und stand auf. Sie folgte ihm mit ihren Blicken, versuchte ihn aber nicht aufzuhalten, als er unruhig, hastig auf dem Dach im Kreis ging, seine Stimme klang gehetzt: „Es vergeht alles nur so unglaublich schnell und was am Ende immer übrig bleibt, sind du und ich. Wird es immer so weitergehen? Wird alles irgendwann zusammenfallen und was dann noch auf dem Trümmerhaufen stehen wird, sind wir? Macht dir das keine Angst? Wir sind doch im Grunde immer alleine, sitzen hier oben auf Dächern, egal ob Hochhäuser oder Lehmhütten, wir sitzen immer hier oben und blicken zu den Sternen, fragen uns, wie viel Leben es dort draußen gibt, denken über die Entfernungen nach, als würde dort die Antwort stehen, als würden sich die Sterne gruppieren und eine Botschaft an uns schicken.“
Ein Lächeln verzauberte ihr Gesicht und jetzt war er es, der innehielt, sie anblickte und sagte: „Du bist auch sehr hübsch, wirklich sehr hübsch.“
 Sie nahm das Kompliment mit einem noch breit werdenden Lächeln entgegen.
„Die Antwort ist vielleicht wirklich dort oben, irgendwo zwischen den Sternen und wir müssen nichts anderes tun als nur lange genug nach oben zu blicken. Am Ende werden wir schon noch erfahren, wofür das gut sein soll. Und wenn es doch nicht so sein sollte, so können wir am Ende wenigstens sagen, dass wir unser Leben damit verbracht haben, nach oben zu blicken, und die samtene Erhabenheit des Universums zu studieren. Das ist auf jeden Fall besser, als wenn wir immer nur damit beschäftigt gewesen wären, anderen Menschen wehzutun, oder irgendetwas Großes zu bewegen.“
Er spazierte zum Rand des Daches und setzt sich auf die kleine Mauer, die das Dach vom Abgrund trennte.
„Was ist so schlimm daran, ab und zu etwas Großes zu tun? Es ist manchmal als hätte ich Teer an den Füßen, als würde ich rufen, dass mich das Leben endlich reinlassen soll, aber die Antwort kommt nie.“
Sie nickte: „Ja, das soll es geben. Aber was ist schon groß? Wir sind hier und beobachten, man kann nicht die ganze Ewigkeit lang aktiv sein, irgendwann kommt der Punkt, an dem man sich niederlässt und den anderen die ganze Action überlässt. Daran wirst auch du dich gewöhnen müssen.“
Mit einem schnippischen Fingerzeig deutete er auf sie: „Sie dich doch mal an, du bist jung, schön, jeder der dich sieht würde sagen, dass du nicht älter als fünfundzwanzig bist. Das ist noch zu jung um den anderen die ganze Action zu überlassen – wir sind noch nicht so alt.“
Er sah hinunter auf den Verkehr.
„Lieben wir uns eigentlich?“
Es kam keine Antwort. Nun stand auch sie auf und ging zu der kleinen Mauer, auf der er saß. Mit einer anmutigen Bewegung schwang sie sich zu ihm hinauf, legte ihm den Zeigerfinger unter sein Kinn und zwang ihn sie anzusehen.
„Lieben wir uns eigentlich,“ wiederholte sie ihre Frage.
Wieder trafen sich ihre Blicke.
Seine Antwort kam kalt und direkt: „Nein, wir lieben uns nicht, vielleicht haben wir das einmal getan, aber das muss schon eine sehr lange Zeit her sein. Alles stirbt irgendwann einmal ab, wenn man sich nicht darum kümmert. Erinnerst du dich noch an den Wald? Den Wald, in dem wir zum ersten Mal richtig miteinander gesprochen haben?“
Ihre Augen begannen zu leuchte, ja, sie erinnerte sich sehr genau an den Wald. Er nickte zufrieden: „An diesen Wald erinnern wir uns beide noch ziemlich gut. Es war vor einer Ewigkeit und trotzdem ist es für uns so, als wäre es erst gestern gewesen. An diesem Tag war so etwas wie eine Liebe zwischen uns, zumindest von meiner Seite her, aber irgendwie ist es nichts geworden. Es gibt für alles einen richtigen Zeitpunkt und den haben wir wohl verpasst. Außerdem hast du mich damals im Wald angelogen.“
Mit einem überraschten Aufschrei hielt er sich an der Kante fest, als sie ihn mit einem festen Schlag auf die Schulter beinahe in die Tiefe stieß. Irgendwo am Horizont ging eine Sternschnuppe nieder, ein heller Schweif mit einem etwas dickeren Kopf – Tausende von Menschen sahen es. Menschen in ihren Häusern, einsame Herzen auf einsamen Strandpromenaden, verliebte Pärchen auf lauschigen Waldbänken und Sterbende aus ihren Betten. Unzählige Wünsche erhoben sich gen Himmel, wo sie für den Bruchteil einer Sekunde hell aufloderten, in allen Farben des Spektrums, um dann wieder zu vergehen. Es war so kurz gewesen, dass niemand es bemerkte, was aber nicht heißt, dass es nicht passiert ist. Doch er sah nichts von alledem, er sah nur den lodernden Hass in ihren Augen, die wütend zuckenden Mundwinkel und die gefährlich geschwungenen Augenbrauen. Beide waren von der Mauer herunter aufs Dach gestiegen, sie kam einen Schritt auf ihn zu und er trat einen Schritt zurück.
„Ich habe dich nie belogen,“ fauchte sie ihn an, „schon gar nicht an einem solchen Tag.“
Er versuchte ebenso bestimmt zu klingen wie sie: „Doch, das hast du. An jenem Tag habe ich dir gesagt, was ich für dich empfinde. Du hast mir damals gesagt, dass es nicht der richtige Zeitpunkt sei, dass du aber eines Tages, sicher in wenigen Monaten, zu mir kommen würdest und dasselbe zu mir sagen würdest, was ich zu dir gesagt habe. Aber du bist nie gekommen, hast nie das gesagt, was ich an diesem Tag im Wald zu dir gesagt habe. Ich habe lange darauf gewartet, bis ich erkannt habe, dass du gelogen hast.“
Sie gab keine Antwort, ihre Schultern sanken resignierend herab und eine kleine Träne glitzerte in ihrem Augenwinkel. Wortlos legte sie sich wieder auf den Boden, der glühende Zorn war in einem einzigen Augenblick verraucht, ihre Augen waren wieder sie selbst und leer zum Himmel gerichtet. Dumpfes Schweigen legte sich wie eine schwere Decke über die beiden, denn er wusste, dass es jetzt keinen Sinn mehr hatte, weiter nachzuhaken, sie hatte gesagt, was zu sagen gewesen war und er auch.
Sie würden dasselbe Gespräch wiederführen, an einem anderen Ort vielleicht, möglicherweise an einem, an einem Leuchtturm, wenn der salzige Wind um ihre Körper peitschen würde, oder in einer Wüste direkt neben irgendeiner Oase. Sie hatten sehr viel Zeit und es würden noch viele Orte kommen.
„Eines Tages werden wir wieder miteinander reden können, oder?“
Es überraschte ihn, dass sie so schnell wieder mit ihm sprach, aber er zuckte nur mit den Schultern und antwortete gelassen: „Das ist schon möglich. Niemand vermag zu sagen, was in ein paar Tagen, Wochen oder gar Jahren geschehen kann. Aber für den Moment wissen wir beide, dass wir dieses Thema weglassen sollten. Es gibt einfach einen bestimmten Punkt, wenn zwei Menschen den überschritten haben, können sie nicht mehr zurück, selbst wenn sie es so sehr wollen wie du und ich.“
Hilflos biss er sich auf die Zunge – er hatte etwas ganz Anderes sagen wollen, etwas Nettes, Aufmunterndes, aber er konnte es nicht. Welche Macht zwang ihn nur dazu, so zu sein, wie er war? Der Himmel flackerte ein wenig.
„Vermisst du unsere Zeit manchmal, ein ganz Kleines bisschen?“ Der Himmel begann etwas stärker zu flackern.
„Jeden Tag vermisse ich unsere Zeit und manchmal glaube ich, dass wir einfach nur ein oder zwei dumme Sachen gesagt haben, nichts, was man nicht wieder hinkriegen könnte.“
Der Himmel begann immer stärker zu flackern, sie deutete nach oben: „Am meisten fehlen mir unsere Gespräche. Wir konnten so gut miteinander reden, eigentlich immer – aber das geht jetzt nicht mehr, das Gesagte steht zwischen uns – wie ein magischer Keil.“
Er nickte: „Vielleicht sollten wir das Thema einfach lassen und abwarten, was sonst noch passiert.“
Beide begannen wieder zu grübeln und es wurde still auf dem Dach des Gebäudes.
Ein schwaches Knistern ließ sie auffahren. Es war nur ein sehr leises Rascheln gewesen und in jeder anderen Nacht hätten sie es vielleicht gar nicht gehört, aber diese Nacht war anders, ruhiger, die Luft schien jedes Geräusch zu verstärken und weiter zu tragen als sonst. Unwillkürlich fassten sie sich an den Händen und sahen zu der Metalltüre, die vom Dach ins Treppenhaus führte, sie stand weit offen, ein schwarzer Fleck in einer schwarzen Nacht. Vorsichtig, lauern erhob er sich. Stand da nicht ein Schatten zwischen ihnen und der Türe? Ein großer Schatten, um dessen massiven Körper etwas wehte?
„Carpe Noctem,“ dröhnte ihnen eine Grabesstimme entgegen.
Sie erzitterte unter der Stimme, als würde jemand mit einem riesigen Metallhammer direkt auf ihr Nervensystem einschlagen, jede Silbe ein weiterer Hammerschlag. Sie riss sich von ihm los, hielt sich die Hände vors Gesicht und ging ein Schritt zurück. Von irgendwoher gingen die Hammerschläge weiter, aber sie konnte keine Worte mehr erkennen, sie taumelte einen weiteren Schritt zurück.
Kühle Nachtluft strich über ihren Rücken, eine Stimme zischte in ihrem Kopf: „Es ist vorbei, noch ein Schritt und es ist vorbei.“
Die Stimme war zu mächtig, all ihre Kraft kam gegen das Dröhnen nicht an. Hilflos taumelte sie noch einen Schritt zurück, ihre Ferse stieß gegen die Brüstung und ihr Oberkörper kippte nach hinten.
Sie öffnete die Augen und sah die Welt in einem irren Tanz vor ihr taumeln, eine Welt, in der es kein oben und kein unten mehr gab, alles begann sich zu vermischen, zu farbigen Linien, Spiralen und Kreisen. Ihr wurde klar, dass sie über die Brüstung des Gebäudes gestolpert war und jetzt in die Tiefe stürzte – ihrem unausweichlichen Tod entgegen. Warum hatte sie keine Angst? Warum lief ihr Leben nicht vor ihr noch einmal ab? Sie hatte keine Antworten auf diese Fragen.
Dann kam der Moment, etwas traf ihren Rücken, wie die Faust eines Riesen – aber es tat nicht weh, nicht im Geringsten. Sie lächelte den Sternen entgegen, die jetzt besonders schön aussahen. Nie zuvor hatte sie die Schleier der galaktischen Nebel sehen können, jetzt waren sie überall in allen Farben, sie zogen über den Himmel, umgaben die Sternbilder – rot, blau, grün – gigantische Gasgebilde, aus dem Material, aus dem einst das ganze Universum bestanden hatte.
Eine angenehme Art von Müdigkeit senkte sich wie flüssiges Blei auf ihre Glieder, es zog sie langsam nach unten, einer tieferen Art des Schlafes entgegen und so wie sie sich auch des Fallens bewusst gewesen war, glasklar, so war sie sich nun der Tatsache bewusst, dass sie jetzt sterben würde – sie hatte immer geglaubt, dass der Tod etwas Schreckliches war, eine Sache, vor der man panische Angst haben musste, besonders wenn es wirklich geschah – aber im Grunde hatte sie keine Angst, sie war nur müde. Aus den Gasnebeln am Himmel bildete sich ein Gesicht, das Gesicht eines jungen Mädchens, das ängstlich zu ihr herunter sah, es formte mit den Lippen ihren Namen: Miranda, aber es war kein Laut zu hören. Sie kannte das Mädchen gut. Ihr Gesichtsfeld verengte sich, ihre Kraftreserven begannen rapide zu erschlaffen.
„Ich hoffe nur, dass ich träumen werde,“ waren ihre letzten Worten.