Dienstag, 17. Mai 2011

Enttäuschungen


Die Enttäuschung ist ein seltsames kleines Tier. Es gibt sie in allen Formen, Farben und Größen. Die Enttäuschung eines Vaters über seine Kinder, die Enttäuschung einer verlassenen Mutter. Das Gefühl, das man erlebt, wenn man mit 20 oder 30 auf sein Leben zurückblickt und die Träume von Damals mit dem Ist-Zustand vergleicht. Wie man sich fühlt, wenn ein Plan nicht aufgeht. Die Enttäuschung, wenn zu Weihnachten nicht das unter dem Baum lag was man sich als Kind erhofft hatte. Der bittere Geschmack im Mund, wenn man sich auf etwas wahnsinnig gefreut hat und es im letzten Moment doch zu Staub zerfällt. Wir alle kennen sie. Die Großen und Kleinen. Das Komische ist, dass uns meistens nicht die großen Enttäuschungen umhauen. Die versetzen Dir einen Kinnhaken, dass Deine Welt kurz wackelt aber am Ende steckt man sie doch irgendwie weg und rappelt sich auf bevor man ausgezählt wird. Nein, wirklich weh tun diese kleinen Enttäuschungen. Vielleicht reichen sie Dir nur bis zum Knie aber die sind es die Du nicht vergisst, die tiefe Narben hinterlassen und noch Jahre später weh tun. George Martin zum Beispiel hat alle Lieder der Beatles bis zu „She‘s leaving Home“ (auf Abbey Road, dem rein von der Aufnahmedatum her gesehen letzten Beatles Album) arrangiert. An wirklich großartigen Songs wirkte er maßgeblich mit. Bei der Gelegenheit war er aber gerade nicht greifbar also hat Paul McCartney das selber gemacht (zumindest geht die Geschichte so). Man müsste meinen, dass das dem legendären George Martin nicht viel anhaben konnte. Aber das hat es. Sehr sogar. Es hat ihn so verletzt, dass er diese Enttäuschung, diesen Mangel an Respekt, dass man nicht für dieses eine Lied warten konnte, bis er wieder verfügbar war, später in seiner Autobiographie viele Jahre später auch zum ersten Mal ausgesprochen hat. 

Und eigentlich ist es doch komisch. Sollte eine Enttäuschung nicht etwas Gutes sein? ENT-Täuschung. Eine Täuschung fliegt auf. Wir werden dann nicht mehr getäuscht. Aber vielleicht ist es ja genau das was wir nicht wollen. Eigentlich liegt es in unserer Natur die Welt so zu sehen wie wir das wollen. Manche würden lieber in einer guten Illusion verweilen als die brutale Realität zu sehen. Aber dieses Thema hat schon die Matrix ausreichend beackert, da will ich jetzt nicht auch noch meinen Senf dazugeben.
Aber man sollte über Enttäuschungen reden. Sie können nämlich wie offene Wunden werden. Kümmert man sich nicht bei Zeiten darum sie zu säubern, der reinigenden Kraft der Luft und des Lichts auszusetzen, werden sie zu eitrigen, klaffenden Abgründen, die langsam die Seele in sich aufsaugen und den glücklichsten Menschen in einen von Neid zerfressenen Greis verwandeln. Zu hart formuliert? Das glaube ich nicht. Man sagt doch, dass jeder Zyniker im Grunde seines Herzens ein Optimist ist, der zu oft enttäuscht wurde. Und Zynismus ist eine furchtbar destruktive Charaktereigenschaft.

Auch ich musste vor einiger Zeit eine Enttäuschung erleben die eigentlich völlig harmlos wirkt. Ein kleiner Stich vielleicht, mehr nicht. Aber unter der Haut, da geht dieser Stich weiter, dort lebt er und nährt sich. Ich bin jemand der gerne schenkt. Das kann man ruhig so sagen. Ich mag es zu sehen wie sich Leute über etwas freuen, sei das nur ein Wort oder vielleicht auch etwas Materielles. Es gibt da einen Menschen, dem ich wahnsinnig gerne etwas schenken wollte. Tagelange durchstöberte ich verschiedene Geschäfte, sowohl online als auch offline. Unbedingt sollte es das perfekte Geschenk werden, etwas was meine Gefühle ausdrückt, meine Freundschaft. Meine Freude alleine beim Suchen zu beschreiben wäre schlicht unmöglich. Schließlich schwankte ich zwischen zwei Möglichkeiten: Ein silbernes Bettelarmband (ihr wisst schon, jene an die man Anhänger nach Wahl befestigen kann) oder eine süße Stoffkatze von „Lanky Kats“ (Ziggy mit seinen grünen Augen wäre mein Favorit gewesen). Tagelang ging es in meinem Kopf rund. Die Katze wäre was zum Kuscheln, das Armband hingegen ein Schmuckstück, das jene Person immer bei sich tragen könnte. Am Ende wäre es wohl die Katze geworden. Doch dann sagte mir dieser Mensch, dass er ein Geschenk von mir eigentlich nicht wollte und auch nicht annehmen könnte. Einfach so. An dieser Stelle bitte das Geräusch eines Fahrzeuges einspielen, das von einer Wand innerhalb einer Sekunde von 180 auf 0 herunter gebremst wird.
Ist doch eigentlich eine völlig lächerliche Sache. Man wollte mein Geschenk nicht. Weder dieses noch irgendein anderes. Wirklich nichts Großes, oder? Für mich irgendwie schon. Ich unterlag der Täuschung, dass man sich freuen würde und darauf habe auch ich mich gefreut. Und dann wurde ich ENT-täuscht. Das hat wirklich weh getan. Und tut es irgendwie noch, sonst würde ich kaum darüber schreiben.  

Also wie ist es jetzt? Sollte man alle Täuschungen aufgeben, zynisch werden und gar nichts mehr erwarten oder ist die Freude, die uns Illusionen bereiten, den Schmerz der etwaigen Enttäuschung wert? Ist am Ende gar die enttäuschte Person selber schuld, weil sie die falschen Ziele/Freunde/Hoffnungen pflegte? Wäre es möglich, bei sehr sorgfältigem Prüfen aller Lebensumstände frei von Täuschung und trotzdem glücklich zu leben? Ich weiß es einfach nicht. Und wenn es draußen so grau in grau vom Himmel strahlt wie heute, sollte man möglicherweise auch keine Entscheidung diesbezüglich treffen.

Kommentare:

  1. Toller Text... er regt sehr zum Nachdenken an. Weißt du, manche Menschen enttäuschen ganz unbewusst. Speziell auf deinen Fall bezogen möchte ich sagen, dass viele Menschen Probleme mit Geschenken haben, aber nicht damit rechnen, dass sie der jeweiligen Person vor den Kopf stoßen, wenn sie sagen "das kann ich nicht annehmen". Ein Grund, darüber mal nachzudenken.. Ich glaube nicht dass man, Prüßmaßnahmen hin oder her, ein Leben ohne Täuschungen und damit verbundenen Enttäuschungen leben kann. Ich denke auch nicht, dass das erstrebenswert ist. Schließlich gibt es auch durchaus positive Enttäuschungen! Was ich allerdings weiß, ist, dass es Enttäuschungen auf keinen Fall wert sind, den Glauben an das Gute zu begraben und zum Zyniker zu werden, denn damit vertreibt man die Sonne permanent aus seinem Leben. In diesem Sinne - was uns nicht umbringt, macht uns härter.

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  2. Hi - danke für den Kommentar :) Ich denke in dem was Du da sagst steckt sehr viel Wahrheit. Viele Enttäuschungen werden uns ungewollt und unbewußt zugefügt. Weiß ja auch nicht wie viele Menschen ich schon enttäuscht habe und nie davon erfahren werde, weil die es wortlos runtergeschluckten.
    Das mit den Prüfmaßnahmen war nur so ein Gedanke - wahrscheinlich ist das wirklich nicht möglich. Und die Sonne vertreiben wäre ja nicht wirklich erstrebenswert, da stimme ich Dir voll und ganz zu!

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